Make Art, Not War! (ND, Juli 2011)

Veso Sovilj ist Künstler und Professor an der Kunstakademie in Banja Luka. Er sitzt in seinem Stammlokal in einer Nebenstraße der Hauptstadt des serbischen Teils von Bosnien und Herzegowina. Spitzer Bart, die Augen vom vielen Alkohol glasig. Er trinkt sein erstes Bier. Plötzlich springt die Tür auf und ein Sondereinsatzkommando der bosnischen Polizei stürmt das Lokal und nimmt ihn fest. Maschinengewehre, ein Hubschrauber kreist. Er wird abgeführt und verhört. Mehrere Kamerateams filmen die Festnahme.

Mladen Miljanovic sitzt mittlerweile am Berliner Gendarmenmarkt in einem Bierlokal. Lockige dunkle Haare und weiche Gesichtszüge prägen sein Gesicht, er trägt Poloshirt und Jeans. Doch der erste Eindruck täuscht. Mladen Miljanovic überschreitet Grenzen. Sein Filmprojekt ist eine solche Grenzüberschreitung. Gerade hat er den Film in Berlin fertig geschnitten. Miljanovic ist 30 Jahre alt und einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler Bosniens.

Sovilj wusste von nichts. Alles sollte wie eine echte Verhaftung aussehen. Miljanovic schaffte es, den Innenminister von Bosnien und Herzegowina zu überzeugen seine Kunstperformance zu unterstützen. Kostenlos bekommt er Sondereinsatzkommando, Hubschrauber und Polizeiwagen gestellt. »Sowas ist nur in Bosnien möglich, wo jeder jeden kennt«, so Miljanovic.

Leise plätschert der Vrbas durch Banja Luka der Hauptstadt des serbischen Teils von Bosnien und Herzegowina. Das Wasser ist tiefgrün. An seinen wilden Ufern befinden sich vereinzelt Bars und Restaurants. Die Fußgängerzone erinnert an eine italienische Kleinstadt. Zum Sonnenuntergang promenieren die Leute über helles Pflaster. In einem ehemaligen Bahnhofsgebäude aus österreich-ungarischen Zeiten im Zentrum der Stadt befindet sich das Museum für zeitgenössische Kunst. Ljiljana Labovic leitet das Museum. Sie ist eine energische Frau. Kräftig gebaut, die Haare wasserstoffblond, die Lippen rot.

Geschichte und Kunst beginnen von neuem

Der Krieg Anfang der Neunziger Jahre habe eine große Lücke in der Kunstwelt des Landes hinterlassen, so Labovic. »Durch den Krieg gab es einen Bruch. Es ist so, als ob die Geschichte erst danach anfängt.« Das Gute daran jedoch sei, dass junge Künstler relativ unvorbelastet Neues ausprobieren könnten. Auch das Museum habe quasi bei null anfangen müssen, man habe nichts zu verlieren gehabt. Aber das sei auch eine Chance gewesen.

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Borjana Mrdja und ihr Make-up-Arbeitshandschuh mit fünf Lippenstifte an den Fingerspitzen.


Mladen Miljanovic ergriff die Chance. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Doboj, nicht weit von Banja Luka entfernt, diente er nach der Schule neun Monaten als Wehrpflichtiger in einer Offiziersschule. Eine Erfahrung, die ihn prägte – und traumatisierte, wie er sagt – und, nachdem er sich in der Kunstakademie in Banja Luka eingeschrieben hatte, zu einer ersten radikalen Performance veranlasste. Neun Monate verließ er das Gelände der Kunstakademie, welches früher eine Kaserne gewesen war, nicht mehr. Er auferlegte sich einen strengen Tagesablauf – schuf jeden Tag ein Kunstwerk, exerzierte über das Akademiegelände, legte 20 Soldatenhelme umgekehrt auf den Versammlungsplatz des Geländes, ein Platz wo vor knapp 20 Jahren Radovan Karadzic Ansprachen seine Soldaten der bosnischen Serben gehalten hatte. Die Helme füllte Miljanovic mit Erde und sähte Blumen hinein. Die neunmonatige Performance machte Miljanovic schlagartig bekannt und brachte ihm viel Anerkennung ein. »Es war hart, aber ich wollte konsequent sein. In dieser Zeit starb mein Opa. Ich ging nicht zur Beerdigung, weil ich die Aktion unbedingt durchziehen wollte«. »I Serve Art« nannte Miljanovic seine Performance.

Er hantiert viel mit militärischen Symbolen und Begriffen, plante generalstabsmäßig Kunstangriffe auf europäische Galerien und nutzte seine Zielsicherheit mit dem Gewehr für Schussbilder. »Make Art, not War! heißt für mich, Inhalte und Symbole des Krieges als Metaphern zu benutzen und daraus Kunst zu machen.«

Radenko Milak sitzt in einem abgedunkelten Raum in einem halb verfallenen Gebäude im Zentrum Banja Lukas. Im Raum mehrere Computer und Regale. Seine Haare sind kurz, sein weißes Hemd frisch gebügelt. Milak ist etwas älter als Miljanivic und Mitbegründer der Künstlergruppe Protok.

Ehemalige Feinde stellen gemeinsam aus

Jährlich organisiert er die internationale Kunstausstellung SpaPort in Banja Luka. Eine Ausstellung, die auch die Verständigung der früheren Kriegsgegner fördern soll. Er lädt Künstlerinnen und Künstler aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens ein. »Bosnien leidet immer noch an diesem Nachkriegstrauma. Man muss darüber sprechen. Heute sind die Leute in Banja Luka, Mostar usw. sehr konservativ und sehr nationalistisch. Manchmal ist es sehr schwer, lokale Förderer zu überzeugen, modernere und offene Projekte zu unterstützen.«

Milak thematisierte den Nationalismus in einer Bilderserie. Auf einem Bild der Serie ist das Attentat des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auf den österreich-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand im Jahre 1914 zu sehen – Auslöser für den Ersten Weltkrieg. Princip wurde in Titos Jugoslawien als Held verehrt. »Das Ereignis wird bei uns sehr unterschiedlich gesehen. Ich wollte, dass es diskutiert wird. Wir können nicht in die Zukunft gucken, wenn wir nicht die Vergangenheit verstehen«.

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Veso Sovilj, Künstler und Professor an der Kunstakademie in Banja Luka, in seinem Stammlokal vor Tito- und Stalin-Reliefs.

Auch die Künstlerin Borjana Mrdja beschäftigt sich mit Fragen der Identität und – auf einer persönlichen Ebene – mit Nationalismus. Sie sitzt auf einer ausladenden Couchgarnitur im Obergeschoss des Wohnhauses ihrer Eltern. Aus dem Fenster öffnet sich ein wunderbarer Blick über die Hügellandschaft, die Banja Luka umgibt. Sie hält die Fernbedienung Richtung Bildschirm. Mrdja hat lange hellbraune Haare und ein braunes T-Shirt an. Das Video zeigt sie, ihre Haare verwoben mit dem Ast einer Kiefer. Sie zieht und zerrt, aber es gelingt ihr nur mühsam, die Haare aus den Ästen zu befreien. Der Ort: Kozara, wo sie aufwuchs. Mrdja: »Kiefern sind das Symbol von Kozara. Zu Beginn hat es wirklich wehgetan, aber je mehr du versuchst dich zu befreien, desto mehr fühlst du, dass es möglich ist. Mit Beharrlichkeit. Zum Schluss versuchte ich, die Grenzen des Schmerzes zu verschieben.«

Der Hammer, der den Spiegel zerschlägt

Seit einigen Jahren sind Borjana Mrdja und Mladen Miljanovic ein Paar. Sie planen ein Haus zu bauen auf einem der Hügel, die Banja Luka umgeben. Ihre Partnerschaft haben sie mit einem gemeinsamen Kunstwerk besiegelt. Sie nähten zwei Sessel in einem Atelierraum der Kunstakademie mit einem dicken Seil zusammen.

Mittlerweile hat Mladen Miljanovic einen Lehrauftrag an der Kunstakademie bekommen, er stellt in Galerien in Österreich und Deutschland aus und ist in Bosnien zu einem bekannten Künstler geworden. Die Begrenztheit des eigenen Landes spürt er seit einigen Jahren nicht mehr. Bis Anfang dieses Jahres war es noch sehr aufwendig, für Bosnier ein Visum für die Europäische Union zu erhalten. Miljanovic aber konnte als Künstler reisen: zur Biennale in Venedig, nach Berlin, nach Paris. Wenn er zurückkahm, stellte er sich den bohrenden Fragen der Studentinnen und Studenten der Akademie. »Diese Isolation unseres Landes war das Schlimmste«, sagt er, während er mit schlaksigen Schritten über den Campus der Kunstakademie in Banja Luka spaziert. »Ein geschlossenes Bosnien schafft seine eigenen Werte, die nicht mit den europäischen übereinstimmen. Die Leute, die das Land führen – unsere Regierung – die ist immer noch auf demselben Niveau und denkt ähnlich, wie zur Zeit, als der Krieg begann.« So betreibt der Präsident der Republika Srpska, einer der zwei Teilrepubliken von Bosnien und Herzegowina, Milorad Dodik die Teilung des Landes. Kürzlich schlug er vor, dass alle Beamten und Mandatsträger von Srpska sich aus dem Gesamtstaat zurückziehen. Auch eine Volksabstimmung für die Teilung schließt er nicht aus.

Für Mladen Miljanovic und viele junge Künstler in der Region steht die Auseinandersetzung mit dem Krieg und den Verbrechen des Krieges auf der Tagesordnung. Die Rolle der Kunst dabei sieht er so: »Kunst ist einerseits der Spiegel der Gesellschaft. Aber Kunst ist auch der Hammer, der den Spiegel zerschlägt. So dass wir überhaupt anfangen können, Fragen zu stellen.«