Ein Monster aus den Neunzigern. Straßenbau in Valencia (ND, Juli 2010)

Um eine breite Straße zum Meer bauen zu können, lässt die Stadt Valencia den ehemaligen Fischerkiez El Cabanyal verelenden. Ihr Kalkül: Ist das Viertel erst von Drogendealern und Sozialfällen bevölkert, hat keiner mehr ein Problem damit, dass es abgerissen wird.

In einem etwas verwahrlosten Hinterhof drängen sich rund 30 Leute. Sie alle wohnen im Cabanyal, einem ehemaligen Fischerkiez, der direkt am Strand Valencias liegt. Eigentlich sollte gerade das wöchentliche Treffen der Nachbarschaftsinitiative »Salvem Cabanyal« beginnen, doch in einer Ecke ist über Nacht ein Schutthaufen entstanden: Steine und Mörtel sind von einer der Mauern herabgefallen. Maribel Domenech, Sprecherin der Initiative, ruft die Feuerwehr, die sich mit einer Drehleiter daran macht, die lockeren Steinbrocken auf der Mauer zu beseitigen. Das Treffen wird sicherheitshalber nach drinnen verlegt.

»Im April hat die Stadt nebenan ein Haus abreißen lassen«, sagt Maribel Domenech, während sie Stühle und Tische hereinträgt, »doch es gab Komplikationen. Deshalb haben sie einfach einen Rest stehen lassen. Die losen Steine fallen nun in unseren Hof.«

Seit fünf Jahren hält sie die Fäden der Initiative »Salvem Cabanyal« zusammen, die sich gegen die Verlängerung der 150 Meter breiten Straße Blasco Ibañez durch ihr Viertel wendet. Seit zwölf Jahren, so alt sind die Pläne zum Straßenbau, trifft sich die Initiative jeden Mittwoch. Maribel Domenech koordiniert die Treffen, kümmert sich um die Tagesordnung und organisiert die Pressekontakte.

Sitzblockade gegen Abrissaktion

Am nächsten Morgen sitzt Maribel in ihrem Lieblingscafé keine drei Straßen weiter. Schwarzer Leinenanzug, grau melierte Locken und rote Brille. Sie blickt konzentriert auf ihren Kalender. Vor ihr ein Kaffee mit Eiswürfel und Zitrone. »In etwa einer Stunde muss ich zur Uni«, sagt sie. Dort unterrichtet sie an der Kunstfakultät.

Maribel Domenech ist eine lebendige Frau, aber wenn sie darauf angesprochen wird, was vor wenigen Monaten drei Straßen weiter passierte, wird sie sehr ernst. Fünf Häuser ließ die Stadtverwaltung Anfang April in einer konzertierten Aktion abreißen. Sie alle standen der geplanten Straße im Weg. Die Bewohner wurden überrascht von der frühmorgendlichen Aktion, und als sich um die Abrissstellen immer mehr Nachbarn sammelten, griff die Polizei brutal zu. »Es war schrecklich. Wir standen da und konnten nichts tun. Die Polizei hat dann massiv eingegriffen und mehrere von uns wurden verletzt, obwohl wir nur eine friedliche Sitzblockade gemacht haben.«

Vier Spuren, einen Grünstreifen und angrenzende fünfstöckige Bürogebäude zeigt eine Animation der geplanten Straße Avenida Blasco Ibañez. Ein Großprojekt, dem man ansieht, dass es lange vor der spanischen Baukrise geplant wurde. Bisher endet die Avenida Blasco Ibañez noch vor El Cabanyal, doch die Stadt argumentiert, durch eine Verlängerung werde für alle Valencianer ein Zugang zum Meer geschaffen. Große Teile der Küste Valencias sind durch massive Hafenanlagen belegt, so dass es nur einen Stadtstrand gibt – und der liegt eben in El Cabanyal und den angrenzenden Vierteln Malvarossa und Canyalemar.

Vincent Gallart ist Architekt. Er hat sein Büro im Viertel und seine Familie lebt hier, seit er denken kann. »Bereits vor Hunderten von Jahren gab es hier Menschen mit dem Namen Gallart«, erzählt er. Ob das seine Vorfahren waren, weiß er nicht genau. Doch sonst weiß er fast alles über die Geschichte des Viertels. In seinem Büro hängt eine große antike Karte der Region. Der Stadtkern von Valencia und das Viertel El Cabanyal sind noch nicht zusammengewachsen. »Schon damals gab es den Plan, Valencias Stadtkern mit El Cabanyal zu verbinden. Der Plan verschwand aber wieder in der Versenkung, bis er Ende der 90er unter Bürgermeisterin Rita Barbera von der konservativen Partido Popular (PP) wieder ausgegraben wurde.«

El Cabanyal war einst ein Fischerdorf mit kleinen Holzbaracken. Aber nach und nach verschönerten die Fischer, inspiriert von der Jugendstilarchitektur Valencias, ihre Häuser mit Fliesen, Ornamenten und Farbe. Die Häuser sind in der Regel nicht höher als zwei bis drei Stockwerke und haben eine Breite von sechs bis sieben Metern. »Manchmal wurden die Flächen zwischen zwei Brüdern geteilt und so entstanden Häuser, die nur drei bis dreieinhalb Meter breit sind.«

Bild 1

Vincent Gallart ist Vorsitzender der »Vereinigung der Nachbarn« von El Cabanyal. Anders als die Initiative »Salvem Cabanyal« ist sie weniger offen, hat feste Mitglieder und tritt in der Regel seriöser auf. Doch die beiden Initiativen sind eng miteinander verbunden, auch die Treffen finden gemeinsam statt. »Wenn ich als Vertreter von ›Salvem Cabanyal‹ zur Stadtverwaltung ginge, würden sie gar nicht mit mir reden, aber wenn ich als Architekt und Vertreter der Nachbarn gehe, reden sie mit mir«, sagt Gallart.

Das Vorgehen der Stadt ist subtil. Sie kauft nach und nach Häuser auf und quartiert dort entweder sozial Bedürftige ein oder lässt sie verfallen. Schon zieht sich eine Schneise der Armut, der Verwahrlosung und der verfallenen Gebäude genau dort durch das Viertel, wo die Verlängerung der Straße geplant ist. Enteignungen sollen ein Übriges tun, bevor irgendwann alles abgerissen werden soll. So das Kalkül der Stadtverwaltung.

Glaubt man Vincent Gallart, hat sich die Stimmung im Viertel in der Tat radikal geändert. Während man früher einträchtig und fröhlich miteinander lebte, herrschen mittlerweile soziale Spannungen. Da ein Großteil der in die aufgekauften Häuser gesetzten Mieter aus Roma-Familien stammt, wächst der Rassismus im Viertel. »Es gibt eine Straße im Kiez, da werden ganz offen Drogen gehandelt«, sagt er, »die sitzen da den ganzen Tag rum, und wenn du vorbei kommst, bieten sie dir Drogen an.« Auch die Art und Weise dieser Menschen, mit Wohnraum umzugehen, und die laute Musik sei vielen Nachbarn ein Dorn im Auge.

Überall hängen Transparente aus den Fenstern, die sich gegen den Straßenbau wenden »Renovierung statt Abriss« fordern sie. Es hängen aber auch Plakate, die die Verlängerung der Straße und den Abriss der Häuser fordern »Die Nachbarn von Cabanyal wollen die Verlängerung der Blasco Ibanez« steht darauf. Vincent Gallart kennt auch diese Nachbarn. Es seien hauptsächlich Menschen, die sich an der Verwahrlosung, am Drogenhandel und am Verfall der Häuser stören. »Die denken, wenn man die Häuser abreißt, löst sich das Problem der unliebsamen Bewohner gleich mit.«

Der alte Fischer, der nicht ausziehen will

Auch das Haus Ricardo Ferrers fiele einem Straßenbau zum Opfer. Er ist 88 Jahre, war sein Leben lang Fischer. Sein Haus steht in der ersten Reihe, keine hundert Meter vom Meer entfernt. Stolz zeigt er einen üppigen Mosaikfußboden im Erdgeschoss, das ganze Haus strotzt vor vielfältigsten Fliesenmustern. Er kennt alles hier im Viertel und würde niemals ausziehen. Unten im Haus soll einmal seine Nichte einziehen, wünscht er und nimmt dafür in Kauf, weiterhin trotz seines Alters tapfer die steile Treppe emporzustapfen.

Doch was ist, wenn er mal stirbt? Wird seine Nichte wirklich hier wohnen wollen – in diesen beengten Verhältnissen? Die Stadt hat ihm noch kein Kaufangebot unterbreitet, man hofft dort wohl auf eine »biologische Lösung«.

Dass das Viertel als Ganzes geschützt ist und einige der Bauwerke – wie die alte Fischerhalle – die höchste Denkmalschutzstufe besitzen, scheint die Stadtverwaltung nicht zu interessieren. Anfang des Jahres verhängte der Oberste Gerichtshof Spaniens einen Abrissstopp, doch das hinderte die Stadtverwaltung nicht, noch im Mai 16 weitere Baugenehmigungen zu erteilen. Man lasse sich doch als autonome Region von einer zentralstaatlichen Instanz nicht einschüchtern, mag man gedacht haben.

Für Maribel Domenech hat sich der Kampf in jedem Fall gelohnt: »Auch wenn wir nicht gewinnen, es war es in jeden Fall wert, für den Erhalt dieses wundervollen Viertels zu kämpfen.«